12
Apr
2013

Die Ruhe vor dem Sturm

Der Winter hatte schon zu lange seinen weißen Mantel über die sanften Hügel Ontarios gebreitet. Die Hoffnung auf wärmere Tage wurde von der beissenden Kälte verschlungen. Schwer lag der Schnee nicht nur auf den Ästen, sondern auch in den Herzen. So war es nicht verwunderlich, dass die warnenden Worte des Wettersprechers zu dieser Zeit des Jahres für wenig Verwunderung sorgten. Es hieß, ein Sturm würde kommen und noch mehr Schnee bringen. Ich war an diesem Tag vormittags von der Stallarbeit freigestellt worden und wollte die Zeit nutzen. Die Warnungen vor dem Sturm waren mir im Hinterkopf gewesen, doch wollte ich eine Wanderung wagen. Die Morgenluft war kalt aber kein Wind regte sich. Ich packte meine Tasche mit Proviant sowie mein Handy für Notfälle und machte mich auf dem Weg. Die Wege waren schwer gangbar doch trugen mich meine Beine immer weiter. Ich schritt an Siedlungen aus Hütten vorbei, doch sah ich keinen Menschen. Wahrscheinlich blickten ihre Augen misstrauisch durch die vielen Fenster auf mich als wäre ich Gevatter Tod. Ein Fremder der durch die Gegend zieht. Ich würde mir selbst nicht trauen, würde ich mich nicht kennen. Unter dem Grau des Himmels trug es mich durch die Landschaft bis zu jener Siedlung, die Saint-Marie among the Hurons genannt wird. Ein hölzernes Dorf mit hölzernen Wällen saß am Ufer eines Flusses, der blutige Geschichten zu erzählen hatte. Ich hätte ihm lauschen können und er hätte mir vermutlich mehr erzählt als jener Reiseführer, den ich gelesen hatte. Die Wolken hingen schwer und das Licht spielte mit meiner Phantasie. Ich musste weiter.
Immer weiter drang ich vor in ein Städtchen namens Midland. Der transkanadische Wanderweg unter meinen Füßen war bei Gott nicht geeignet für meine Füße, doch hatte ich keine Wahl als einen Schritt nach dem anderen auf den Asphalt zu tun. Rechts von mir ragten Häuser in die Höhe, von denen eines dem anderen glich. Linkerhand erstreckte sich eine riesige Wasserfläche, die unter dem Eis ihren Winterschlaf hielt. Kein Mensch hatte es gewagt an jenem Tag auf die Straße zu treten. Die Promenade vor den Strandhäuser war menschenleer. Nur der Wind versicherte mir, dass sich die Welt noch bewegte. Nach Stunden des Wanderns war ich angekommen. Der Hafen des Städtchens war ungewohnt belebt. Touristen sahen sich das eisige Schauspiel an und ich setzte mich auf eine Bank. Zufrieden verspeiste ich meinen Proviant bevor ich den Rückweg antrat. Ich war von Unrast getrieben und ging schnellen Schrittes. Meine Füße schienen nur noch aus Gewohnheit das Ihre zu leisten. Die Wolken verdichteten sich und ein mürrischer Wind zog auf. Die Schilder und Fensterläden der Hütten und Häuser krächzten mit schrillem Ton. Ermüdet trugen mich meine Beine in die Sicherheit wo mich eine Suppe wärmte.
Nur wenige Stunden später begann das Schauspiel. Der Wind bog die stolzen Bäume und pfiff sein schauriges Lied. Er brachte Schnee mit sich, der den Blick in die Ferne erschwerte. Auch das Stromnetz hatte die weiße Wand verwirrt und zum Stillstand gebracht. Des Nächtens nahm der Sturm neue Formen an und wandelte sich in iced rain um. Dick Tropfen vielen herab und erstarrten sofort zu glänzendem Eis. So kam es, dass mein Blick am kommenden Morgen auf eine Landschaft wie aus Glas fiel. Äste hatten schwer unter dem Eis zu tragen und der Boden entglitt unter meinen Füßen. Der typische Österreicher hätte sich schon längst in der Opferrolle gesehen und begonnen über sein bitteres Los zu klagen. Die Kanadier nahmen es jedoch mit gewitztem Humor. Die Nachrichten hatten von umgestürzten Bäumen und Strommasten berichtet, doch selbst hier vernahm man schmunzelnde Kommentare. Kanada scheint wohl auch unter den schwersten Wolken heiter zu lachen.

7
Apr
2013

Die Messe - Gott erhalte Franz, den Kaiser

Die Woche ging zu Ende und die Leute strömten in die sonntägliche Messe. Auch meine Gastfamilie besuchte die nahe gelegene Ebenezer United Church und so kam es, dass ich meine ersten unierten Liturgie feiern durfte. Das hölzerne, weiße Kirchlein sah von außen sehr rustikal aus und erinnerte an alte Western. Gespannt öffnete ich die Kirchentür, um zu sehen, welch prachtvolles Inneres sich dahinter verbirgt. Im schlicht gehaltenen Vorraum angelangt suchte ich zuerst vergebens das Weihwasserbecken, fand dafür eine Garderobe vor an der ich meine Jacke ablegte. Der Gang in den Hauptraum, der etwa den Charm eines Seminarraumes an der Uni aufwies, führte zu noch mehr Verwirrung. Der Raum war zwar sehr gut geheizt und die Bänke dick gepolztert, doch ähnelte das Interieur einem schulischen Vortragsraum. Alleine das neonbeleuchtete Kreuz hinter dem vermeintlichen Ambo lies erkennen, dass es sich um eine Kirche handelte.
Anstelle von Rosenkranzgebeten oder erwartungsvollem Schweigen herrschte reges Treiben. Man begrüßte sich, sprach über kürzlich Erlebtes und quatschte als wäre man eben als Schüler nach den Ferien wieder im Klassenzimmer eingetreten.
Die Messe begann, die Seitengespräche verstummten jedoch nur für kurze Zeit. Bald schon hörte man wieder Geschwätz und Mancher drehte sich sogar nach hinten um mit dem Hintermann zu reden. Der Prediger war ein älterer Herr, der die neue Technik ausprobieren wollte und dementsprechend die gesamte Messe mit einer Powerpoint-Präsentation begleitete. Wie ein Lehrer versuchte er die Inhalte mit der Hörerschaft zu verknüpfen und stellt Fragen an die Gemeinde, die rege antwortete. Zudem waren ein Redner und ein Countrysänger eingeladen worden, die ihren Beitrag leisteten. Auch ein kleiner Chor hatte sich aufgestellt um zwei Lieder zu singen, die jedoch mehr nach Karfreitag als nach Nachösterlichem Sonntag klangen. Es mag natürlich sein, dass ich mich irrte und diese Lieder eben so notiert waren, denn immerhin kannte ich keines der Lieder.
In dieser Liturgie, die offenbar nicht dem Aufbau einer katholischen Messe folgte, war es plötzlich Zeit für die Kollekte. Ein Klavier spielte erste Noten und ein wohliges Gefühl kam in mir auf. Im Gegensatz zu allen bisherigen Liedern schien mir dieses nur allzu bekannt. Langsam bildeten sich in meinem Kopf jene Worte: "Gott erhalte Franz, den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz!" Langsam begann ich zu realisieren, dass die Melodie der Kaiserhymne an mein Ohr drang und meine Lippen fingen sich mit den Worten "Ihm erblühen Lorbeerreiser, wo er geht, zum Ehrenkranz!" an zu bewegen. Zwar war mein Herz von glühender Wärme erfüllt und ich wäre beinahe mit der Hand an der Brust aufgesprungen und hätte lauthals angefangen zu singen, doch kam mir dieses Lied in einer kanadischen Kirche äußerst eigenartig vor. Als die Kollekte nun vollendet war standen Alle auf und begannen einen spirituellen, englischen Text zu singen. Mein Erstaunen kannte keine Grenzen mehr und ich beschloss trotzdem leise die Kaiserhymne zu singen.
Nach dieser Liturgie, die dem Begriff Participatio actuosa eine neue Bedeutung gegeben hatte und sehr an eine pädagogische Übung erinnert hatte, ging in einen Nebenraum zum Pfarrkaffee mit Chilli und Kuchen. Man aß, trank und unterhielt sich prächtig. So feierte ich also Messe einmal anders.

6
Apr
2013

Stadt - Suburbs - Wildnis

Nach einer kurzen Erforschungstour durch Toronto war es an der Zeit den Zug in das "Städtchen" Barrie zu nehmen, von wo ich zu meiner ersten Farm chauffiert werden sollte. Dabei führte mich mein Weg vorerst zur Union Station in Toronto, deren Schönheit für Alle durch Baustellenplanen verborgen blieb. Das Innere des Bahnhofs war jedoch prächtig und erfüllt von schwerem Abschied sowie erleichterter Rückkehr.
Rasch war das Ticket gekauft und der Bahnsteig gefunden. Als einer der Ersten im zweistöckigen Zug gab es noch eine große Auswahl an Sitzplätzen. Nach und nach strömten Menschen in den Zug, die gewiss besser gekleidet waren als ich. Bürokräfte mit Anzug und Krawatte suchten nach einem geeigneten Sitzplatz und sanken von der Arbeit erschöpft nieder. Schnell wurde mir klar, warum diese Linie nur morgens stadteinwärts und abends stadtauswärts verkehrt - Pendlerzug.
Nur wenige Minuten nach der Abfahrt verschwanden die Wolkenkratzer der Downtown Torontos am Horizont und der Zug gondelte durch ein scheinbar endloses Meer an kleinen Backsteinhäuschen und Gewerbeparks. Es schien mir zunächst undenkbar, dass diese wohlgekleideten Menschen in diesen heruntergekommenen Häuschen leben würden, doch musste dem so sein. Bloß drei Stationen, schon hatte sich der Zug beinahe geleert. An den Augen rasten nun nicht nur Häuser sondern auch Landschaften vorbei, die von großen Siedlungen durchzogen waren. Eine glich der Anderen. Nach einer Stunde vorbeirauschender Siedlungen wurden die Vororte Torontos langsam weniger und die Aufmerksamkeit konnte auf naturbelassene Landschaften gelenkt werden. Die letzte Haltestelle vor Barrie South wurde angesagt. Es konnte sich nur noch um Minuten handeln bis ich am Ziel war. Landschaften tauchten auf und verschwanden wieder. Ich hatte nun schon seit 30 Minuten kein Haus mehr gesehen und die Natur wurde immer abenteuerlicher. Barrie erwies sich also als sehr abgelegen. Von meinem Farmer abgeholt ging es nun weiter nach... ehm... irgendwohin. Die Autofahrt über eine Hügelgruppe erlaubte mir den Blick auf den Weltbekannten Huron-See, dessen Größe ich nur erahnen kann, da ich nicht einmal ansatzweise bis ans andere Ufer sah. "Ich sollte dort vielleicht mal plantschen gehn", dachte ich. Nach endloser Autofahrt durch noch endlosere Wälder war ich letzten Endes am Ziel angekommen, eine Farm, ein Gestüt irgendwo im Nirgendwo.

5
Apr
2013

Ankunft in Toronto

Der erste Eintrag eines Reiseblogs handelt für gewöhnlich von der Anreise. Man sei also nicht verwundert, wenn auch dieser Eintrag von den ersten Schritten auf kanadischem Boden handelt.

Ich bin nach vielen Stunden des Fliegens sicher in Toronto gelandet, hatte vorerst damit zu kämpfen nicht einzuschlafen bevor ich mein Gepäck abhole und hatte letzten Endes Probleme bei der Einreise weil die Jungs und Mädls an der Grenze nicht wussten, was WWOOF ist. Gottlob hab ich mir alle Dokumente ausgedruckt und ein Visum bis Oktober bekommen.
Die leidige Visumsproblematik überstanden erwies sich die Fahrt nach Kensington Market im Herzen Chinatowns als Abenteuer da die Öffis in Toronto nicht grad übersichtlich oder logisch sind. Kein Ticketschalter und 100 Busterminals am Flughafen haben mich das Erfragen von Informationen aufs neue gelehrt.
Zumindest hab ich in Kippling einen Typen aus LA getroffen, der mir die Fahrt in die Stadt durch einen netten Plausch verkürzt hat. Er sah ein wenig aus wie Lee Gaze von den Lostprophets.
In Kensington Market angekommen stand ich vor einem Haus ohne klingel und mein Host hörte das Pochen an der Tür nicht. Mein erster Gedanke: War so klar, dass ich hier vor verschlossenen Türen steh! Dann erfrier ich eben. Als ich dann an Geschichten von Kanadiern dachte, die ihre Häuser nicht absperren, drehte ich einfach mal an der Türklinke. Erkenntnis: Kanadier sperren tatsächlich ihre Tür nicht ab.
Nach einpaar Bier konnte ich mich dann endlich dem Schlaf hingeben. Acht wunderbare Stunden des Schlafes in einer ungeheizten Wohnung wurden schließlich von Möwen und einer Polizeisirene beendet, die mich zurück in die Realität brachten. Heute soll mich der Weg in das Herz Torontos führen. Die Spannung steigt.
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Chin Chin, wie man in Kanada sagt

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